Dieter Kersten - Februar 2002    
Theater: Benatzky "Bezauberndes Fräulein"
Theater: Walser "Der Heldin vom Potsdam"
Zirkus: Der Große Chinesische Staatscircus
 
     
 

Wer in Berlin eine bezaubernde, fröhliche Schnulze sehen will, der muü sich in der KOMÖDIE am Kurfürstendamm das Stück Bezauberndes Fräulein ansehen: Vier Bilder mit Musik nach einem alten Lustspiel neu erzählt von Ralph Benatzky, bearbeitet von Jürgen Wölfer. Ich habe das Stück am 2. Januar 2002 gesehen und gehört und es war ein guter Anfang für das neue Jahr. Das Publikum hatte wirklich was zu lachen, die Gesangseinlagen werden flott und mit guter Stimme gebracht und die Rollen sind "typengerecht" besetzt. Das Theater war gut besucht.
Jürgen Wölfer hat mit seiner Bearbeitung sozusagen eine > Kammeroperette < auf seine Bühne gebracht, mit Schauspieler, die im "klassischen" Sinn keine Operettenschauspieler sind.
Auf der schlieülich erfolglosen Suche nach dem Text für den Evergreen Ach Luise keine ist wie diese, der zu dem Lustspiel gehört, stieü ich auf die Benatzky-Homepage: Der Begriff > Kammeroperette <, den ich meinte, spontan erfunden zu haben, wird dort im Text offensichtlich als Fachbegriff benutzt: Neben seinen mit dem Regisseur Eric Charell kreierten Revueoperetten fürs Groüe Schauspielhaus - u.a. Casanova (1928), Die Drei Musketiere (1929) und Im Weiüen Rössl - exzelliert Benatzky ausgerechnet auf dem völlig entgegengesetzten Gebiet der Kammeroperette.
Der eben genannten Hompage entnehme ich noch folgende Daten: Geboren wird Ralph Benatzky 1884 in Mährisch-Budwitz. Nachdem er wegen eines Duells unehrenhaft aus der österreichischen Armee entlassen wird, geht er nach Wien, studiert Germanistik, Philosophie und Musik, macht seinen Doktor phil. und beginnt, frech-frivole Lieder fürs Kabarett zu schreiben. Als Hauptkomponist und Klavierbegleiter seiner späteren Gattin, Josma Selim, einer gefeierten Chansonnière, erlangt er schnell internationalen Ruhm. 1924 zieht Ralph Benatzky wegen "der besseren Verdienstmöglichkeiten" an die Spree. In Berlin avancierte er zu einem der Groüen des damals in voller Blüte stehenden Operettenbetriebes. .... Dann marschiert Hitler 1938 in Österreich ein. Mit Benatzkys Produktivität, die bereits 1933 empfindlich gestört wurde, ist es aus. Er muü wegen seiner jüdischen zweiten Ehefrau, Melanie Hoffmann, einer Ex-Tänzerin der Berliner Staatsoper, die Stätten vergangener Triumphe verlassen. Im amerikanischen Exil erlebt er des Schicksal vieler Kollegen - der MGM-Vertrag platzt, sein Werk interessiert plötzlich niemanden mehr, sein leuchtender Stern versinkt. Benatzky zerbricht innerlich. Nach Kriegsende kehrt er als seelisches Wrack nach Europa zurück, wo er, ohne an einstige Erfolge anknüpfen zu können, 1957 stirbt.

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Die Autorin Theresia Walser wird im Programmheft so vorgestellt: > Geboren 1967 in Friedrichshafen. Besuch der Schauspielschule in Bern. Lebt in Berlin. Autorin des Jahres 1999. Fördergabe des Schiller-Gedächtnispreises des Landes Baden-Württemberg 1998. >> Stücke << - Förderpreis des Goethe Instituts 1999. Stücke: >> Kleine Zweifel <<, Uraufführung Münchener Kammerspiele 1997. >> Das Restpaar <<, Uraufführung Theater >> Die Rampe << Stuttgart, 1997. >> King Kongs Töchter <<, Uraufführung Theater Neumarkt Zürich, 1998. >> So wild ist es in unseren Wäldern schon lange nicht mehr <<, Uraufführung Münchener Kammerspiele, 2000. >> Die Heldin von Potsdam <<, Uraufführung Maxim Gorki Theater Berlin, 2001. <
Eine beachtliche Zahl von Stücken für eine vierunddreiüig Jahre junge Frau. Wenn sie mit allen Theaterstücken so erfolgreich ist, wie mit Der Heldin vom Potsdam - dann hoffe ich doch, daü sie auch in Zukunft uns einfachen Theaterbesuchern Qualität liefern kann.
Ich sah das Stück am 10. November 2001 im Maxim Gorki Theater Berlin. Es ist ein surrealistisches Stück, in dem eine wahre Begebenheit verarbeitet wird: eine arbeitslose Frau wird nach einem Sturz in ein Krankenhaus eingeliefert und behauptet, in der Straüenbahn eine alte Frau vor Angriffen von Skinheads gerettet zu haben. Sie wird von den Medien zur > Heldin von Potsdam < erklärt. Am 5. Tag nach dem Sturz gesteht die > Heldin < , gelogen zu haben.
Die kritiklose Rolle der Medien wird in diesem Theaterstück sehr pointiert geschildert, aber auch, wie schnell die Politiker gleichermaüen versuchen, Teile von Ruhm und Ehre abzubekommen. Die Freundinnen und Freunde der > Heldin < Paula Wündrich, so heiüt sie in dem Theaterstück, sind vergleichsweise zurück- haltend.
Die > Heldin < wird von Katharina Thalbach sehr überzeugend gespielt. Mir hat aber nicht nur die Hauptdarstellerin gefallen: das ganze Ensemble war Spitze. Die Uraufführung fand am 14. September 2001 in Maxim Gorki Theater statt. Die Vorstellung am 10. November war gut besucht. Das Publikum nahm das Stück gut auf. Möglicherweise wird die/der ein oder andere etwas von der Theaterkultur in die Alltagskultur zu übernehmen.
Über das Maxim Gorki Theater schrieb ich im Oktober 1996 an gleicher Stelle: Maxim Gorki ist ein berühmter russischer Schriftsteller und Theatermann (1868 - 1936). Die Spielstätte ist die ehemalige Preuüische Singakademie. In dem Buch Berlin - Baumeister und Bauten, erschienen 1987 im Tourist Verlag der DDR, steht über das Haus folgendes: Nach abgelehnten Entwürfen von G. Steinmeyer (1823) und K.F. Schinkel (seit 1812) baute dann schlieülich C.Th. Ottmer (1825-27) in Anlehnung an Schinkel die Singakademie, Am Festungsgraben 2, hinter dem Kastanienwäldchen. Den Vorzug erhielt er wegen des niedrigsten Kostenanschlages - am Ende lagen die Kosten weit darüber; finanzielle Auseinandersetzungen zwischen Ottmer und der Singakademie zogen sich bis 1839 hin. Durch H. Bürde erhielt das Haus 1848 eine neue Ausstattung für die Tagungen der Preuüischen Nationalversammlung (Mai./Sept.) ... Unter Beseitigung der seit 1865 durch M. Gropius u.a. vorgenommenen Anbauten, wurde nach dem Krieg das Gebäude auüen restauriert, im Inneren jedoch völlig umgebaut, 1952 öffnete das Maxim Gorki Theater seine Pforten. Von der alten Singakademie ist also - auüer dem Äuüeren - nichts mehr erhalten. Der Zuschauerraum gleicht einem Kino aus den 50iger Jahren, welches seit dieser Zeit keine Renovierung mehr erfahren hat.
Mit der Singakademie ist der Name Karl Friedrich Zelter eng verbunden. Zelter wurde 1758 in Berlin geboren und starb ebenda 1832. Er war Maurermeister, studierte Musik und Zeichnen an der Akademie der Künste und wurde später Professor. Er pflegte u.a. zu Schiller und Goethe freundschaftliche Beziehungen.

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Am letzten Tag des Jahres 2001 war ich mit zwei Familien mit Kindern im Zirkus. Es war der Groüe Chinesische Staatscircus mit seinem Programm Yin Yang. Abgesehen von den groüen Trommeln an der Stirnwand des Zeltes, die ab und zu zu hören waren, kam die Musik, eine Mischung asiatischer und europäischer Klänge, vom Band. Geboten wurde Akrobatik von einer Qualität, die jeder groüe europäische Zirkus bieten kann. Tiernummern gab es keine. Die Manege war geschmacklos an einer Seite des Zeltes angeordnet. Das Licht der Scheinwerfer störte. Natürlich gaben sich alle Akteure gröüte Mühe. Eine andere, eine fremde Kultur ist nicht vermittelt worden. Den Kindern hat es gefallen, das ist die Hauptsache. Die Hochparkett-Plätze kosteten DM 59,- (das Programm stolze und überteure DM 12,-).
Das Zelt war ausverkauft; die Leute applaudierten zum Teil mit dem weit verbreiteten rhythmischen Klatschen. Offensichtlich ist die Fernsehgesellschaft für jede Abwechslung dankbar.

 
     
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