Dieter Kersten - Februar 2006    

Theater: Berndt W. Wessling „Cosimo und Ricarda“

Theater: J. W. von Goethe "Faust - Der Tragödie erster Teil"

Oper: Pascal Dusapin "faustus, the last night"

 
     
 

Ich bekenne meine Ratlosigkeit. Da gibt es, „fast im Kiez“, das KLEINE THEATER AM SÜDWESTKORSO, ca. 92 Sitzplätze, mit einer kleinen Bar (und gutem Rotwein), mitten in einem bürgerlichen Umfeld - in der heiklen Konkurrenz mit dem Fernsehen - und da gibt es immer wieder den verzweifelten Versuch des Theaters, originell zu sein, mit Stücken, die witzig, unterhaltsam, „modern“ und ein wenig provokativ sein sollen. Dafür bekam das KLEINE THEATER bisher 383 500 Euro im Jahr Zuschuß vom Steuerzahler; zum Vergleich: die großen Boulevardtheater am Kurfürstendamm, die KOMÖDIE und das THEATER AM KURFÜRSTENDAMM bekommen keinen Zuschuß und sind meistens rappelvoll.

Avantgarde (= Vorhut; die Vorkämpfer einer Idee oder Richtung) ist das KLEINE THEATER keinesfalls. Das wäre ja noch eine Möglichkeit, für die es sich unter Umständen sogar zu kämpfen lohnen könnte.

Ich sah am 1. November 2005 im KLEINEN THEATER „eine wahnwitzige Wagneriade“ Cosimo und Ricarda von Berndt W. Wessling.

Über Berndt W. Wessling (* 25. 7. 1935 – † 13. 1. 2000) steht im Programmheft: > Er war ein Münchhausen des 20. Jahrhunderts.< Das scheint mir eine Übertreibung des manchmal etwas überhitzten Literaturbetriebes zu sein. Wenn ich dem Programmheft folgen darf, dann war Wessling ein Plagiator und ein Fälscher. War das Münchhausen auch?

Zwei Frauen stehen auf der Bühne. Die eine stellt Richard Wagner dar und die andere seine Frau Cosima. Was treibt den Autor, ein Theaterstück über diese beiden kulturhistorischen Persönlichkeiten zu schreiben? Sind es neue Erkenntnisse über das Eheleben der beiden Protagonisten? Oder sind es neue Erkenntnisse über das schöpferische Tun des Meisters? Nein, es geht um eine für die Menschen von Heute „entscheidende Frage“, nämlich, ob Richard Wagner nicht nur ein Frauenheld war, sondern ob er auch gerne Männer verführte. Ach, du gütiger Gott, wie wichtig!!?

Wagner war ein schwieriger und sehr produktiver Künstler. Keine Frage: der nachgeborene Berndt W. Wessling konnte ihm noch nicht einmal „ein Glas Wasser“ reichen.

Die beiden Schauspielerinnen Vera Müller und Anna Simon haben gut gespielt. Es gibt in diesem Theater keine Souffleuse und ich bewundere das Gedächtnis der beiden Frauen.

46 der 92 Zuschauerplätze waren am 1. November nicht besetzt. Über dem Theater blitzt das Damoklesschwert der Streichung des jährlichen Zuschusses aus dem Steuersäckel. Soll ich nun in Tränen ausbrechen oder empfehlen, sich nach einer Kleinkunst umzusehen, die sich wohltuend von dem Fernsehangebot abhebt? Ein Kontrastprogramm muß her, welches die Menschen in das Theater zieht. Andere Theater schaffen es ja auch, ohne Zuschuß. Warum nicht das KLEINE THEATER AM SÜDWESTKORSO?

Mein optimistisch gemeinter Schluß wird von einer neuen Hiobsbotschaft konterkariert, die besagt, daß der Immobilienfonds, der Eigentümer des Kurfürstendamm-Karrees geworden ist, die beiden dort ansässigen und erfolgreichen Theater-Häuser KOMÖDIE und THEATER AM KURFÜRSTENDAMM gekündigt hat. Theater können nicht, so wird von den Managern des neuen Eigentümers (hinter dem die Deutsche Bank steht) argumentiert, eine so hohe Miete zahlen wie ein Kaufhaus oder eine Luxusboutique. Also weg damit! Da kommt es zu der skurrilen Situation, daß das satte Bürgertum, autobesessen und juwelengeschmückt, den eigenen Show-Room zugunsten einer erhofften satten Rendite aufgibt, schimpfend natürlich, weil die eigene, manchmal sogar professorale Intelligenz nicht ausreicht, die Zusammenhänge zu erkennen.

Also doch Subventionen aus dem Steuersäckel für Theater? Die Fürsten und die erst kürzlich vergangene Zeit des realen Sozialismus haben sich ihre Theater „geleistet“, sehr stark aus den Frondiensten der Völker subventioniert, die bürgerliche Parteiendemokratie mit ihrem materiellen „Interesse“ sägt sich die Äste ab, auf denen sie sitzt. Ohne Kultur gibt es keine geistige, moralische und wirtschaftliche Entwicklung - nur Rückschritte.

Von den Subventionen - gleich welcher Höhe - profitieren die Künstler im weitesten Sinn, ihre Bürokratie und - wieder das satte Bürgertum als Konsument. Ist dieses satte Bürgertum mit ihrem materiellen Interesse und dem Börsenspektakel überhaupt noch zu einer geistigen und moralischen Entwicklung fähig? Wäre es nicht wichtiger, einen Großteil der Subventionen als stark verbilligte Karten an elternabhängige Jugendliche und Geringverdiener weiter zu geben?

Es wäre sehr schön, liebe Leserin, lieber Leser, wenn Sie versuchen würden, die Fragen in Leserbriefen oder auch redaktionellen Beiträgen zu beantworten.

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Deutsches Theater zu Berlin, am 3. Dezember 2005: Auf dem Spielplan steht Faust - Der Tragödie erster Teil von Johann Wolfgang von Goethe. Ich war voller Erwartungen, diese Tragödie das erste Mal auf der Bühne zu sehen, hatte ich doch bisher nur den Text gelesen.

Vor dem Vorhang erschien Faust, assistiert in wechselnder Reihenfolge von Mephisto, Wagner und dem Schüler; sie alle schrien, sprachen, flüsterten Textfetzen in nicht nachvollziehbaren Betonungen und vielfach phonetisch schlecht zu verstehen. Weder Zueignung noch Vorspiel auf dem Theater oder der Prolog im Himmel waren von den Bruchstücken des Monologes des Faust Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! ... zu unterscheiden. Keine Wissenschaftskritik, keine ... Phantasie ... mit kühnem Flug ... , keine Träume in der Gelehrtenstube und kein Widerspruch zum Göttlichen waren Teil des schlecht angerichteten Wortsalats. Der von der Sprache her so wohlgeformte Monolog des Faust, Der Osterspaziergang, kam in zwei Sätzen vor, Studierzimmer und Pudel wurden gänzlich verschwiegen, die Inhalte von Goethes Faust verschwanden im Nirwana der totalen Unverbindlichkeit. Dieser Unverbindlichkeit fielen auch Auerbachs Keller und die Hexenküche zum Opfer.

Der Vorhang ging erst hoch, als Gretchen (Margarete) und ihre Tragödie in das Spiel kamen. Auch hier ging es der Regie (Michael Thalheimer) nicht um die Inhalte, sondern nur um das Blut, welches theatralisch fließt. Zusammenhänge zwischen den Mordtaten wurden nicht sichtbar. Die ganze Inszenierung war nichts weiter als eine ungezügelte Selbstbefriedigung sich modern gebender Theaterleute, denen auch in Zukunft, auch bei anderen Themen, Dichtern und Stücken nicht über den Weg zu trauen ist. Wer einem Herzstück der deutschen Klassik die Sprache raubt, tötet kulturell auch anderswo.

Vermutlich paßt es in den Geist der Zeit, daß die berühmte Gretchenfrage, die Frage von Gretchen an Faust: > Nun sag, wie hast du’s mit der Religion < der Regie fast peinlich gewesen sein muß. Fast zehnmal wurde die Frage vom Gretchen dieser Aufführung geschrieen und zehnmal deshalb von Faust nicht verständlich beantwortet, weil die Widerrede der doch etwas umfänglichen, in Unterhaltungssequenzen unterteilten, Antworten, ohne Punkt und Komma dahergeredet wurden.

Goethes Faust ist Teil unserer Sprache und unserer Kultur. Goethe ist Goethe, Heiner Müller ist Heiner Müller (nur als Beispiel); beide sind Teile deutscher Kultur und beide sind fair zu behandeln.

Noch mehr als die real vorhandene Inszenierung von Goethes Faust hat mich das Publikum erschreckt. Es war ein fast ausverkauftes Haus, an einem Sonnabend; das Publikum klatschte frenetisch, als ginge es darum, der Deutschen Kultur noch zusätzlich einen Tritt in den Hintern zu verpassen.

Ich habe beim Hinausgehen aus dem Theater bedauert, nicht gebuht zu haben. Zwei Stunden Aufführung in einem Stück, ohne Pause, das war vielleicht der Trick, das Publikum, auch mich, zu benebeln.

All das geschah 2005 in Deutschland am Deutschen Theater. Was regen wir uns über CIA-Flüge über Deutschland auf, wenn wir nicht in der Lage sind, uns als Deutsche in Deutschland zu begreifen und zu bewahren?! Wollen wir als Deutsche und als eine eigenständige Kultur mit einer eigenen Sprache weiter existieren?! Können Sie mir die Frage beantworten?

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Woerlitz


















Stich von Peter Cornelius, * 1783 in Düsseldorf und † 1867 in Berlin.

Faust und Margarete, vorübergehend

Faust:
Mein schönes Fräulein, darf ich wagen, Meinen Arm und Geleit Ihr anzutragen?

Margarete: Bin weder Fräulein, weder schön, Kann ungeleitet nach Hause gehn. Sie macht sich los und ab.

Faust: Beim Himmel, dieses Kind ist schön! So etwas hab ich nie gesehn. Sie ist so sitt- und tugendreich Und etwas schnippisch doch zugleich. Der Lippe Rot, der Wange Licht, Die Tage der Welt vergeß ich's nicht! Wie sie die Augen niederschlägt, Hat tief sich in mein Herz geprägt; Wie sie kurz angebunden war, Das ist nun zum Entzücken gar!

Faust scheint mich festzuhalten. Am 28. Januar 2006 sah und hörte ich in der Staatsoper unter den Linden die > Oper in einer Nacht und elf Nummern, Text und Musik von Pascal Dusapin < faustus, the last night. Der Komponist und Dichter Pascal Dusapin ist das französische, kulturelle Glanzlicht am europäischen Opernhimmel, den, das schreibe ich gleich zu Beginn, zu kritisieren, ein Sakrileg sein wird. Die Oper faustus, the last night ist eine Auftragsarbeit der Staatsoper unter den Linden und der Opera National de Lyon.

Pascal Dusapin legt großen Wert darauf, als Vorlage für seine Oper das Faustdrama des englischen Dichters Christopher Marlowe (1564 bis 1593), eines Zeitgenossen William Shakespeares, als Vorbild genommen zu haben. Im Mittelpunkt der Handlung steht der Teufelspakt „Wissen gegen Seele“, und zwar the last night des Doktor Faustus, der mit großer Hilflosigkeit diese „letzte Nacht“ auf einem überdimensionalen Zifferblatt zusammen mit Mephistopheles, dem Teufel, mit Angel, einem gefallenen Engel und den Figuren Sly und Togod, die dem surrealistischen Sujet entsprungen sind, verbringt. Die Textmontage enthält Wortfetzen und Textteile von Marlowe, aus dem deutschen Volksbuch > Historia von D. Johann Faustus <, aus den zahlreichen Faust- Puppenspielen des Mittelalters bis hin zu Goethe und späteren Dichtern. Das Bühnenbild ist mehr als sonst Teil der Handlung; es ist ein überdimensionales Zifferblatt einer Bahnhofsuhr, deren Zeiger, an denen sich die Protagonisten klammern, sich bewegen, vor und zurück. Das Zifferblatt soll - so verstehe ich es - die „Würdigkeit“ der „Fragen“ und die „Fragwürdigkeit“ des Seelenhandels unterstreichen und natürlich auch die Vergänglichkeit des Lebens und der Zeit. Wenn ich oben von „großer Hilflosigkeit“ schreibe, dann meine ich, daß der Stoff, der hinter der Formulierung „Wissen gegen Seele“ stecken könnte, nicht bewältigt worden ist. Die „große Hilflosigkeit“ bezieht sich nicht auf die turnerischen Fähigkeiten der einzigen Sängerin und der vier Sänger, die ich bewundert habe. Sie mußten auf dem schrägen Zifferblatt kontrolliert rutschen und kräftig hochkriechen.

Die Musik, Sie nehmen es mir hoffentlich nicht übel, ist nicht meine Musik. Sicher, die Handlung wird an vielen Stellen durch das Orchester unterstützt. Die Musik der Singstimmen ist von der untermalenden Musik streng getrennt. Die Sopranistin Caroline Stein muß im Liegen spitze Schreie intonieren - ich frage mich, ob das nicht ein Mißbrauch von Musik und Stimme ist.

Diesmal fand ich auf der Webseite der Staatsoper die Pressestimmen zu faustus, the last night. Ich habe den Eindruck, daß die Kritiker durchgehend den „Eiertanz“ übten. Keiner schien das Stück verstanden zu haben und keiner wollte es sagen und eine schlechte Kritik schreiben. In dem Programmbuch sind hochintellektuelle Texte abgedruckt, deren Vorteil es ist, daß ich vieles nicht verstehe. Je „moderner“ eine Oper ist, desto mehr Fremdwörter werden verwendet. Das Beste an dem Programmbuch, welches übrigens € 7,- kostet, ist die höchst interessante Zeittafel der Künstler, die sich mit dem Thema Faust befaßt haben.

Am 28. Januar waren die Hälfte der Zuschauerplätze des Hauses besetzt, obwohl es eine Sonnabend-Vorstellung war. Es war die 3. Vorstellung seit der Uraufführung am 21. Januar 2006. Die Texte werden in englischer Sprache gesungen. Eine Leuchtschrift über der Bühne gibt die deutsche Übersetzung wieder

 
     
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