Dieter Kersten - Mai 2007    
 

Theater: Yasmina Reza´s
"Im Schlitten Arthur Schopenhauers"
Oper: Giacomo Puccini "Tosca"
Theater: "Machos, Memmen & Mimosen"

 
     
 

(D.K.) Normalerweise ist es nicht meine Art, den Zuschauerraum sofort nach Schluß einer Aufführung zu verlassen. Diesmal tat ich es und der junge Mann in der Garderobe, vermutlich ein Student, fragte mich, ob mir das Stück gefallen hat. Nein, sagte ich, und Ihnen? Sie haben doch sicher das Stück bei der Generalprobe gesehen? Ja, sagte er, auch mir hat es nicht gefallen. Leider kamen dann die anderen Theaterbesucher, er mußte arbeiten und wir konnten das Gespräch nicht fortsetzen.

Das geschah am 17. Februar in den KAMMERSPIELEN in der Schumannstraße zu Berlin. Es war die Uraufführung des Stückes Im Schlitten Arthur Schopenhauers  der französischen Schriftstellerin Yasmina Reza.Der Zuschauerraum war zum Hörsaal mit steil aufsteigenden Sitzplätzen umgestaltet, auf der offenen Bühne mit kahlen Wänden stand  vorne ein Sesselund in der hinteren rechten Ecke ein Plastikstuhl.

Ich bin keine Philosoph und meine Kenntnisse über Arthur Schopenhauer sind äußerst gering. Im schlecht redigierten Programmheft wird er als deutscher Philosoph und Begründer  einer pessimistisch orientierten Willensmetaphysik vorgestellt.  In diesem Programmheft werden Texte unterschiedlicher  Philosophen abgedruckt: Louis Althusser, Baruch de Spinoza, Arthur Schopenhauer, Sigmund Freud, Ludwig Wittgenstein, Voltaire. In den Kurzbiografien fehlen aber Sigmund Freud, Ludwig Wittgenstein und  Voltaire. Eine schwache Leistung der Redaktion. Dafür wird der Franzose Gilles  Deleuze genannt, der sonst gar nicht in Erscheinung tritt.

Auf der Bühne treten die vier Schauspielerinnen und Schauspieler einzeln oder in wechselnder Zahl auf. Das ist die einzige Bewegung auf der Bühne, einschließlich eines Beutels Apfelsinen und einer „Kiste“ mit Süßigkeiten oder Nüssen, die auch gefuttert werden. Ach ja, Sessel und Stuhl werden hin und her geschleppt. Ansonsten gibt es lange Monologe, zum Teil ca. 20 Minuten lang: Es geht um die kaputte Beziehung eines Ehepaares. Was das mit Schopenhauer zu tun hat, blieb mir während der Vorstellung und nach dem Lesen des Programmheftes verborgen.  Das Programmheft enthält keinerlei Angaben über den Inhalt des Stückes. Keiner der Akteure z.B. trägt den Namen Schopenhauer.

Hinzu kam, daß die Texte teilweise phonetisch schlecht zu verstehen waren. Das ist das alte Lied: Aus welchen Motiven auch immer - ich nehme fast an, aus einer nicht nachzuvollziehenden Arroganz heraus - wird der Regisseur, in diesem Fall Jürgen Gosch, sich nie auf verschiedene Plätze setzen, um die unterschiedliche Sprach-Wahrnehmung feststellen zu können. Gerade bei langen Monologen und einer insgesamt geringen Bewegung auf der Bühne wäre die richtige Handhabung der Sprache eine wichtige Angelegenheit.


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(D.K:)  Die Oper TOSCA von Giacomo Puccini habe ich schon zweimal besprochen. Sie können die Texte der Besprechungen unter Kultur im Internet - www.neuepolitik.com -  abrufen und zwar einmal  Juni 1997 und zum anderen Mai 1998. Wer keinen Internet-Zugang hat, dem drucke ich gerne die beiden Kritiken aus.

Obwohl ich meiner Kritik vom Juni 1997 kaum etwas hinzu zusetzen habe, dokumentiere ich meinen erneuten Besuch der gleichen Inszenierung in der DEUTSCHEN OPER BERLIN am 27. Januar. Es ist inzwischen die 316. Aufführung der Inszenierung des Stückes durch Boleslaw Barlog. Die Premiere fand am 13. April 1969 statt.

Boleslaw Stanislaus Barlog ist am  28. März 1906 in Breslau geboren und starb am  17. März 1999 in Berlin. Barlog war von 1945 bis 1972 Generalintendant der Staatlichen Schauspielbühnen (West-)Berlins. An der DEUTSCHEN OPER BERLIN  gibt es insgesamt vier Inszenierungen von ihm.

Bühnenbild der alten Inszenierung ist geblieben. Die Namen der Interpreten auf der Bühne und im Orchestergraben sind andere. Das Orchester unterstützte die Sängerinnen und Sänger beeindruckend. Aufgefallen ist mir die volle und lyrische Stimme von Nadja Michael, welche die Tosca sang und spielte.

In der Besprechung vom Juni 1997 schrieb ich, daß TOSCA eine „politische Oper“ (zumindestens gewesen) ist. Angesichts unseres Polizeiministers Schäuble  hat die Figur des Polizeichefs Scarpia in dieser Oper ein besonderes Gewicht erfahren.

Mir schien, daß jeder Platz im Zuschauerraum besetzt war. Ich schöpfe daraus die Hoffnung, daß das Berliner Opern-Publikum doch nicht so kritiklos ist, wie ich manchmal den Eindruck habe. Ein Großteil der modern inszenierten Aufführungen geht an dem Geschmack und an der Kulturauffassung des Publikums vorbei. Wer von den modern inszenierten traditionellen Stücken erreicht die 316. Aufführung?

Der Applaus war beeindruckend groß.

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(D.K.) Vorn, am Eingang, an dem Glasvorbau der TRIBÜNE in Berlin-Charlottenburg, klebte ein großes Papier, auf dem sinngemäß stand, Mitglieder von Scientology ist der Zutritt verboten. Ein ungewöhnliches Verbot für ein Theater.

Ich habe für die Scientology-“Kirche“, die ja eine „Drücker“-Organisation für The American Way of Life (dem us-amerikanischen Faschismus) ist, absolut nichts übrig. Wenn ich jedoch Scientology und das Theaterstück  Machos, Memmen & Mimosen zusammen betrachte, dann trifft hier eine Kulturlosigkeit auf die andere. Da hat es mit Sicherheit Ärger gegeben. Vermutlich einen sehr einseitigen Ärger, den die TRIBÜNE als geschäftsschädigend empfunden hat. Theatermacher scheinen einen Fehler nicht einsehen zu wollen. Das Theaterbesucher-Volk schreit nicht einmal Buh. Es bleibt bestenfalls der Vorstellung fern, wenn sich Inhaltslosigkeit (Nichtigkeit) herumspricht. Das finanzielle Defizit bezahlt ohnehin der Steuerzahler.

Junges Publikum, eine erklärte Zielgruppe des „künstlerischen Leiters“ Helmut Palitsch, habe ich  nicht getroffen.

Es waren ca. 15 Plätze der ca. 300 Zuschauer-Plätze besetzt, als ich am 22. März(einem Donnerstag)Stück und Theater besuchte. Ich gebe zu, daß auch ich das Buhen vergaß, weil ich sprachlos war. Es gibt keine Handlung; es gibt eine Ansammlung von Chansons, (meistens) mit erotischen Bezügen, bei denen das Wort „ficken“ einen wichtigen, inflationären Platz einnimmt.Die Erotik, ein wichtiges Gewürz in fast jedem Boulevardstück, wirkt in der Art, wie die Chansons vorgetragen werden, fast abartig.

Woerlitz

Die Premiere des Stückes Machos, Memmen & Mimosen fand am 20. November 2006 statt. Angesichts der kulturellen Nichtigkeit des Stückes fällt es mir schwer, ein gutes Wort über die die Schauspieler zu verlieren. Sie zeigen, was sie auf der Schauspielschule gelernt haben: Sie können ein wenig singen, ein wenig tanzen, sie können sogar ein wenig Instrumente spielen. Sie haben aber nicht gelernt, ihren Mißbrauch zu verhindern.

Das Theater firmiert als Privat-Theater: tribuene gegen/WARTE gemeinnütziges Theater GmbH. Im  Lexikon des Bezirksamtes Wilmersdorf-Charlottenburg fand ich die interessante Geschichte der TRIBÜNE: Das Haus wurde 1914/15 von Emilie Winkelmann als Ottilie-von-Hansemann-Haus mit Wohnungen für Studentinnen errichtet worden. 1919 wurde darin die Tribüne von dem Regisseur Karl Heinz Martin, dem Schauspieler Fritz Kortner, dem Dramaturgen Rudolf Leonhard und dem Geldgeber Franz Wenzler als Experimentiertheater eröffnet. Zur Premiere inszenierte Karl Heinz Martin "Die Wandlung" von Ernst Toller mit dem jungen Fritz Kortner in der Hauptrolle. In der Gründungsphase war die TRIBÜNE Avantgardebühne des szenischen Expressionismus, dann kommerzielles Unterhaltungstheater. In der NS-Zeit wurde das Theater zunächst geschlossen, schließlich als Kino genutzt und ab 1936 unter Rudolf Platte wieder regelmäßig bespielt. Am 1.6.1945 eröffnete Victor de Kowa das im Krieg kaum beschädigte Haus im Auftrag des sowjetischen Stadtkommandanten Nikolai Bersarin mit einem literarisch-musikalischen Unterhaltungsprogramm, das von Hildegard Knef moderiert wurde. Nachfolger von Victor de Kowa wurde 1950-1972 Frank Lothar. Der Spielplan bot gehobene Unterhaltung und politisch-literarische Programme. 1982 Modernisierung. Am 13.12.2005 wurde im Theater eine von dem Essener Künstler Thorsten Stegmann geschaffene Büste von Hildegard Knef enthüllt. Zwei Tage später hatte die Knef-Hommage "Für mich soll's rote Rosen regnen" Premiere. Seit der Spielzeit 2006/2007 setzt der neue künstlerische Leiter Helmut Palitsch neue Akzente. Mit Gegenwartsdramatik will er ein junges Publikum ansprechen.

 
     
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